Das Kinderfussball Konzept des schweizerischen Fussballverbands

Die kleine Schweiz hat sich seit dem Jahr 2006 für alle vier möglichen Weltmeisterschaften und seit 2004 für vier von möglichen fünf Europameisterschaften qualifiziert. Im Vergleich zum direkten Nachbar Österreich, welcher sich im selben Zeitraum für keine Weltmeisterschaft und drei von möglichen fünf Europameisterschaften qualifiziert hat, sind dies ziemlich beeindruckende Werte. Doch was sind die Gründe für die guten Leistungen der kleinen Schweiz? Im folgenden Artikel werden die Philosophie und das Konzept des schweizerischen Fussballverbands (SFV) im Bereich des Kinderfussballs genauer unter die Lupe genommen.


Das Konzept des SFV basiert auf der Haltung, dass jedes Kind eine unterschiedliche und vielfältige Begabung vorweist. Das Ziel des Kinderfussballs ist deshalb, das bestmögliche Ausschöpfen der individuellen Potentiale. Daraus ergibt sich das Modell der “3 L”. Diese stehen für Lachen, Lernen und Leisten. Das Lachen steht dabei bewusst an erster Stelle, da der Lernerfolg ohne positive Emotionen deutlich geringer ausfallen würde. Die Trainerinnen und Trainer sollen sich demnach nach jedem Training oder Spiel die Frage stellen, ob gelacht, gelernt und geleistert wurde.

Lachen, Lernen, Leisten: schweizerischer Fussballverband

Ausbildungsgrundsätze

Der SFV definierte die vier folgenden Ausbildungsgrundsätze als Basis für ein erfolgreiches Training.

  1. Spielerisch
    Damit die Kinder lernen, sollen sie in ihrer Lebenswelt abgeholt werden. Dies bedeutet, sich der kindlichen Sprache und dem Bekannten zu widmen. “Schnell wie ein Flugzeug”, “Mutig wie ein Löwe” oder “Dribbeln im Hütchenwald” inszeniert für die Kinder eine spielerische und lernreiche Übung.
  2. Kindergerecht
    Niemand ist gleich und alle entwickeln sich unterschiedlich. Um das Training an die Bedürfnisse der Kinder anpassen zu können, braucht es Verständnis und Interesse an der kindlichen Entwicklung. Nur so kann ein sinnvolles und kindergerechtes Training angeboten werden. Ausserdem soll durch “Lachen, Lernen, Leisten” ein gutes Lernklima entstehen, damit die Kinder nachhaltig motiviert sind.
  3. Vielseitig
    Kinder sind keine Spezialisten und sollen deshalb nicht so gefördert werden! Sie zeichnen sich stattdessen durch Neuigierde und Kreativität aus. Genau aus diesem Grund soll ein Training vor allem eines sein: Abwechselnd. Ferner benötigen Kinder vielfältige Bewegungserfahrungen um sich motorische Kompetenzen und Erfahrungswissen aufbauen zu können. Ein Training mit Kindern soll deshalb unbedingt auf dem Prinzip der Vielseitigkeit basieren.
  4. Spielsituationsorientiert
    Kinder wollen spielen und das Spiel gilt als der beste “Lehrmeister”. Allerdings soll nicht nur “einfach gespielt werden”, sondern durch Provokationen (enger Raum, rundes Feld, langes/breites Feld) die Entwicklung der Kinder unterstützt werden. Der SFV unterteilt das Spiel in die zwei grundsätzlichen Spielphasen “Wir haben den Ball” und “Der Gegner hat den Ball”. Durch die damit verbundenen Ziele, bspw. “Tore zu erzielen” oder “Tore zu verhindern” ergeben sich Leitplanken, an welchen sich die Ausbildung orientieren muss. Gerade bei den kleinsten Junioren steht das “Tore erzielen” im absoluten Fokus, da dies unter Anderem die grössten lernwirksamen Emotionen freisetzt. Im Laufe der Entwicklung werden auch das Kollektiv (Zusammenspiel etc.) und das Verteidigen (Rückerobern des Balles) wichtiger.
    Der unten dargestellte Spielkompass visualisiert die beiden Spielphasen und die vier Spielsituationen.
Der Spielkompass: schweizerischer Fussballverband, S.11

Trainingsschwerpunkte

  • Fussball spielen lernen
    Die Vermittlung des Fussball-ABC´s gilt als Herzstück des Trainings. Im Kinderfussball geniesst das Ermöglichen von möglichst vielen Ballkontakten einen hohen Stellenwert. Aus diesem Grund wird gefordert, dass jedes Kind im Training über einen eigenen Ball verfügt. Diese anfängliche Stufe wird im Leitsatz der Spielentwicklung als “Ich und der Ball” definiert. Die Kinder sollen mit ihrem Ball möglichst viele unterschiedliche Erfahrungen machen und sich primär an das Spielobjekt gewöhnen können.
    Auf der zweiten Stufe, “Ich und Du und der Ball” wird der Aufbau des technischen Repertoires und das Ausführen von Übungen zu zweit forciert. Das frühere eigenständige Üben wird nun durch miteinander oder nebeneinander ersetzt.
    Zuletzt, gewinnt das Passen und Zusammenspielen sowie das kooperative Miteinander auf der Stufe “Wir und der Ball” an Bedeutung. Diese Stufe gilt sogleich als “Abschluss” der Spielentwicklung und umfasst die bekannten kleinen Spiele.
    Die nachfolgende Abbildung zeigt die Trainingsthemen und deren Wichtigkeit in der jeweiligen Kategorie (gekennzeichnet durch die Anzahl Punkte).
    Zur Erklärung: die G-Junioren entsprechen der Bambini-Kategorie in Deutschland.
Trainingsthemen und Schwerpunkte: schweizerischer Fussballverband, S.13
  • Vielseitigkeit erleben
    Zwingend sollen in allen Trainings Spiele und Übungen zur Vielseitigkeit enthalten sein. Die Vielseitigkeit wird dabei in drei Kategorien unterteilt: Mutig und stark, rhythmisch und geschickt sowie flink und wendig. Neben den unten abgebildeten Bewegungsgrundformen sollen auch unterschiedliche Sinne angesprochen werden. Diese tragen alle ihren Teil zu einer ganzheitlichen Ausbildung bei und beeinflussen sich gegenseitig. So hat beispielsweise der Gleichgewichtssinn direkte Auswirkung auf die Handlungsschnelligkeit.
Bewegungsgrundformen: schweizerischer Fussballverband, S.8
  • Fussball spielen
    Der Schwerpunkt “Fussball spielen” umfasst das freie und ungezwungene Spiel. In diesem Setting sollen die Kinder mutig neue Dinge ausprobieren und auf keinen Fall durch die Trainer gehemmt werden. Die Trainerinnen und Trainer greifen nur bei grösseren Regelübertretungen oder Spieländerungen ein. Auch Konflikte und Diskussionen sollen von den Kindern möglichst selbständig gelöst werden. Damit möchte der SFV die Entwicklung der Talente und nicht zuletzt auch die Kreativität fördern.

Das Trainingsschema

Neben den bereits genannten Schwerpunkten und Ausbildungsgrundsätzen empfiehlt der SFV das Einhalten des Trainingsschemas. Dieses besteht aus einer Einleitung, welche die Kinder körperlich und gedanklich auf das Training einstimmen soll. Auch hier muss jedes Kind über einen eigenen Ball verfügen und vor allem bei den Kleinsten kann eine interessante Geschichte inszeniert werden. Im Hauptteil werden dann die drei Schwerpunkte umgesetzt, wobei die Reihenfolge keine Rolle spielt. Wichtig ist es, von jedem Schwerpunkt eine Übung oder ein Spiel in die Planung zu integrieren. Der Ausklang gilt als gemeinsames und beruhigendes Ritual, um das Training zu beenden.

Methodischer Fahrplan

Der methodische Fahrplan gilt als Leitlinie für das Training und berücksichtigt die kindliche Entwicklung. Die folgenden drei Stufen werden innerhalb einer Übung nacheinander durchgeführt.

  1. Offen starten
    Der offene Start dient dazu, die Kinder in erster Linie abzuholen und ihnen die Möglichkeit, neue Dinge auszuprobieren, zu geben. Zudem sollen sie je nach Interesse auch unbekannte Techniken ausprobieren und entdecken.
  2. Üben
    Im folgenden Teil wir die Aufmerksamkeit klar auf die Qualität einer Technik oder Bewegung gelegt. Die Kinder sollen diese nun durch zahlreiche Wiederholungen ausprobieren und lernen. Dabei stehen ihnen die Trainer mit Hilfestellungen und Korrekturen zur Seite.
  3. Wetteifern
    Nach der intensiven Übungsphase soll die Konzentration durch einen initiierten Wettbewerb aufrecht erhalten werden. Gleichzeitig steigert sich die Intensität, was zum Ende einer Übung eigentlich nicht der Normalität entspricht.

Spielprinzipien

Die Spielprinzipien gelten als notwendige Basisstruktur und dienen zur Erklärung des Spielverhaltens und zur Beratung der Kinder. Sie sollen vor allem während den Turnieren, aber auch während den Trainings im Schwerpunkt “Fussball spielen lernen” und “Fussball spielen” behandelt werden.

Spielordnung
Mit der Spielordnung werden keine taktischen Positionen gemeint, sondern das Vermitteln eines Gefühls für eine sinnvolle Grundordnung. Diese endet meist in einer Dreiecks- oder Rhombendbildung. Gemeint wird dadurch das Freistellen, die Abstände zum Mitspieler sowie die Tatsache, dass nicht alle auf dem gleichen Fleck stehen sollen.

Wechselnde Spielpositionen statt Spezialisierung
Im Kinderfussball soll ganzheitlich ausgebildet werden. Aus diesem Grund müssen die Kinder Perspektivenvielfalt erleben. Damit wird gemeint, in unterschiedlichen Rollen (Torwart, Verteidiger, Stürmer) am Spiel teilzunehmen. Bewusst wird also auf ein zu frühes Festlegen von Positionen verzichtet und auch der später potentielle Torwart soll regelmässig auf anderen Positionen zum Einsatz kommen.

Spielprinzipien: schweizerischer Fussballverband, S.32

Wie geht es nun weiter?

Als erstes Sonderthema veröffentlichen wir im Januar wöchentlich kurze Berichte über die spannendsten Projekte des schweizerischen Fussballverbands. Ob Nachwuchs-Leiter oder Trainer: Es hat für jeden etwas dabei. Vielleicht lassen sich gewisse Dinge ja auch im eigenen Verein direkt umsetzen 🙂 Hinterlasse ein Kommentar und diskutiere mit uns über die Ansätze des SFV!

Quellen:

Kern, Raphael; Papilloud, Jean-Jacques; Furger, Claudia; Mangiarratti, Alessandro und Truffer, Bruno (2015): Kinderfussball – Theorie und Praxis. Bern: Schweizerischer Fussballverband