Individuelle Förderung im Kinderfussball

Die individuelle Förderung gilt in der Arbeit mit Kindern als etwas ganz entscheidendes, da jedes Kind unterschiedliche Voraussetzungen mitbringt. In den letzten Jahren wird dieses Thema vor allem im schulischen Kontext extrem diskutiert und versucht umzusetzen. Die optimale Umsetzung scheitert allerdings oft und vor allem an den zeitlichen Ressourcen, da eine individuelle Förderung bei über 20 Schülerinnen und Schülern extrem aufwändig ist. Im Kinderfussball wird dieser Thematik- aus unserer Sicht- noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dies obwohl wir im Vergleich zur Schule über weniger Kinder verfügen und das grosse Gegenargument des zeitlichen Aufwandes so nicht gelten lassen können. Dieser Beitrag setzt es sich nicht zum Ziel, die meist wirklich guten Ausbildungskonzepte der Verbände zu hinterfragen, sondern vielmehr die Einstellung und das Bewusstsein für individuelles Fördern zu erhöhen. Nachfolgend werden deshalb einfache Möglichkeiten aufgezeigt, wie die Kinder individuell noch besser gefördert werden können.

Achtung: Wichtig ist es, den Kindern die nötigen Freiräume für ihre Kreativität zu geben. Individuelles Fördern soll lediglich als Hilfestellung dienen. Die Lösungen und die Umsetzung darf nicht nur fremdgesteuert werden, sondern soll den Kindern als Rahmen für eigenständiges Ausprobieren dienen.

Grundsätzliches zur Diagnose

Um die Kinder individuell Fördern zu können, müssen wir in erster Linie überhaupt wissen, wo sie in ihrer Entwicklung stehen. In der Wissenschaft und in Fachzeitschriften wird dies Diagnose genannt. Die Diagnose zeigt sich als am Schwierigsten, da wir Ausbildner im Kinderfussball meist ehrenamtlich tätig sind. Dies bedeutet, dass wir uns nicht tagtäglich mit unseren Kindern auseinandersetzen können, da Beruf, Familie, Hobbys etc. ebenfalls einen grossen Teil unseres Lebens einnehmen. Folgerichtig müssen wir die Entwicklungsstände unserer Kinder festhalten. Nur so wissen wir, wo sie sich gerade befinden und was sie in dieser Phase brauchen.

Entwicklungsheft

Im Entwicklungsheft können Beobachtungen und Folgerungen (Ziele bzw. Coachingpunkte) festgehalten werden. So kann man die Entwicklung des Kindes und die aktuellen Schwächen ausfindig machen. Durch das Notieren der Folgerungen können zukünftige Tätigkeiten der Ausbildner niedergeschrieben werden. Beispielsweise wäre die Beobachtung: “Kind fühlt sich in der Mannschaft nicht wohl.” Als Folgerung notieren die Ausbildner: “Gespräche innerhalb der Mannschaft und einzeln mit dem Kind sowie Übungen mit Teambuilding Elementen verbinden.”
In welcher Form das Entwicklungsheft geführt wird, soll das Ausbildnerteam selbst entscheiden. Unter dem Strich ist es primär wichtig, dass der Zeitaufwand für alle beteiligten Personen im Rahmen bleibt. Deshalb also lieber kürzer und nicht zu umfangreich als zu umfangreich gestaltet und aufgrund von zeitlichen Ressourcen irgendwann nicht mehr durchführbar.
Ein Beispiel führ ein Entwicklungsheft zeigen wir bei uns im Donwloadbereich. Dazu einfach den untenstehende Link anklicken.
https://kinderfussball-blog.ch/uebungen/

Individuelle Ziele

Die getätigten Beobachtungen zeigen auf, wo die Kinder noch Schwierigkeiten haben. Eine Möglichkeit wäre es, vereinzelt Wochen-, Monats- oder Turnierziele auf einen Zettel zu notieren. Diesen dann einzeln den Kindern geben und sie regelmässig die Ziele selbst überprüfen zu lassen. Ein Ziel könnte beispielsweise sein: “Ich brauche meinen linken und rechten Fuss”. Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass die Kinder voll darauf abfahren und es toll finden, wenn sie ihre Ziele erreichen können. Wichtig ist es, dass die Ziele nicht zu kompliziert sind und meist nach einigen Trainings oder Wochen erreicht werden können. Nur so steigert sich die Motivation und die Freude an der Arbeit mit Zielen. Die Möglichkeit darf allerdings nur vereinzelt genutzt werden, da sich die Kinder ansonsten nur noch auf die Erfüllung der Ziele konzentrieren. Schlussendlich sollen sie aber die Freude und Unbekümmertheit am Fussball auf keinen Fall verlieren!

Individuelle Schwerpunkte

Übungen sind ebenfalls ausgezeichnete Anlässe um individuell zu fördern. So sollen die Kinder angeregt werden, in technischen Übungen alles in ihrem schnellstmöglichen aber noch sicheren Tempo durchzuführen. Ausserdem können beispielsweise zwei Finten oder Wendungen ausgewählt werden. Eine für die Einsteiger und eine für die Fortgeschrittenen. Dies muss man natürlich nicht offen kommunizieren, aber die Kinder sollen ihre Schwierigkeitsstufe selbst wählen. Sätze wie “Wer sich schon sehr sicher fühlt, kann mal folgendes ausprobieren…” helfen dabei. Ausserdem wissen die Kinder durch das Benutzen der Ziele, was sie aktuell noch verbessern wollen/sollen. Auch dadurch kriegen sie ein Verständnis für ihre individuellen Schwerpunkte.

Gespräche und individuelle Rückmeldungen

Gespräche mit den Kindern sind wie das ABC in der deutschen Sprache. Sie können entweder auf dem Weg zum Platz oder nach dem Training geschehen. Sehr sinnvoll sind ausserdem kurze Gespräche während Übungen oder Spielen. Dann bietet es sich an, die Kinder kurz zu sich zu holen und ihn aufzufordern, etwas zu verändern. Als Beispielssatz könnte folgendes dienen: “Fritz, versuche Mal mit vollem Tempo und ganz mutig auf den Gegner zu dribbeln. Du kannst das!”. Die Kinder werden dies natürlich sofort und mit vollem Eifer versuchen umzusetzen. Die Ausbildner können die folgenden Aktionen des Kindes beobachten und das Verhalten durch Lob verstärken. Ausserdem können so während dem Training regelmässig kurz Kinder zu den Ausbildner geholt und mit individuellen Schwerpunkten oder Aufgaben wieder ins Spiel geschickt werden. Sehr zu empfehlen sind kurze Gespräche bei der Verabschiedung der Kinder. Diese sollen aber zwingend positiv formuliert werden, damit das Kind mit einem guten Gefühl nach Hause geht. Zudem bleiben diese Sätze meist im Gedächtnis, so dass sie auf der Heimfahrt direkt dem Papa oder der Mama erzählt werden. Als Beispielssatz gilt folgender: “Max, ich fand es super, wie du dich heute verhalten hast. Selbst als du Mal ein paar Fehler gemacht hast, hast du nicht aufgeben und weitergespielt. Das war echt toll!”

Üben in Gruppen

Sollte ein Kind beispielsweise noch Mühe mit der Ballan- und mitnahme haben, so macht es aus unserer Sicht keinen Sinn, ihn in einer Passübung in einer Gruppe mit den Stärksten der Mannschaft zu haben. Das Kind gerät unter Druck und verliert an Selbstvertrauen, wenn die Übung wegen ihm nicht funktioniert. Lieber teilt man die Gruppen und versucht mit den Kindern, welche in etwa die gleichen Defizite haben, diese aufzuarbeiten. Die Passschärfe dürfte somit niedriger sein und das Annehmen des Balles auch einfacher. Zudem können die Leistungsstärkeren in ihrer Gruppe wiederum individueller gefördert werden, in dem sie auf ihrem Niveau am technischen Element arbeiten. Dasselbe gilt auch für Kinder, welche wenig Selbstvertrauen haben. Üben sie mit etwa Gleichstarken, so kommen sie zu deutlich mehr Erfolgserlebnissen. Treffen sie in einer 1 gegen 1 Übung immer wieder auf die stärksten der Mannschaft, so haben sie keine realistische Chance auf Erfolgserlebnisse. Auch die leistungsstärkeren Kinder profitieren von Duellen gegen Gleichstarke, da sie gefordert werden.
Auch hier ist es wieder wichtig, dass die Gruppe nicht in jeder Übung geteilt wird. Dies würde den Kindern klar aufzeigen, wer die besseren und schlechteren innerhalb der Mannschaft sind. Vereinzeltes Teilen der Gruppen erachten wir aber als sehr sinnvoll.

Individuelle Förderung im Spiel

Habe ich beispielsweise ein Kind, das schon viel mitbringt, allerdings nur mit einem Fuss spielt, so kann ich das im Spiel beeinflussen. Als Provokation dient die Falsch-Fuss-Taktik. Ein Kind, welches bevorzugt mit dem rechten Fuss spielt, kann vermehrt auf der linken Seite zum Einsatz kommen. Mit der transparenten Begründung durch die Ausbildner lernt er automatisch, den linken Fuss mehr zu brauchen. Dasselbe gilt für Kinder, alle möglichen Defizite. Das Ausbilderteam muss sich überlegen, auf welcher Position das Kind provoziert wird, das eigene Verhalten zu überdenken. Auch hier gilt allerdings, dies nicht zu oft durchzuführen denn ansonsten können die Kinder bei regelmässigem Misserfolg auch die Freude am Spiel oder an der Position verlieren.

Habt ihr noch weitere Ideen zur individuellen Förderung? Lasst es uns in der Kommentarfunktion wissen 🙂

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