Spielkreativität entwickeln

Der Kinderfussball boomt. Welcher Erwachsener hat in seiner Kindheit nicht irgend einmal Fussball gespielt? Deshalb ist auch der Bedarf an Trainer und Trainerinnen so gross. Nicht unhäufig kommt es vor, dass ein Papa das Teams seines Sohnes übernimmt und in den ersten Trainings gleich mal die Übungen macht, die er noch von seiner Fussballerzeit kennt. Geht er mit ihnen ans Turnier, wird den Kindern die Marschroute strikte vorgegeben und beinahe ununterbrochen gecoacht. Die Kinder sollten ja zu wissen bekommen, wie richtig Fussball gespielt wird!

Die Kinder lernen jedoch anders. Sie lernen aus eigenen Erfahrungen, aus Fehlern. Sie lernen durch Ausprobieren und durch immer wiederkehrende Situationen. Kinder lernen, in dem man sie zuerst einmal machen lässt. Kinder müssen in erster Linie Spass beim Sporttreiben haben.

Das aktuelle Monatsthema befasst sich mit ebendiesem ,,machen-lassen”. Oder besser gesagt, mit dem provozieren von Spielsituationen, die die Kinder von selbst die Lösung finden lassen. Kurz: die Entwicklung von Spielkreativität.

Im Lehrbuch versteht man unter der Spielkreativität die Generierung von vielfältigen und originellen Lösungen in unterschiedlichen Spielsituationen.

Memmert und Schwab haben 2014 ein Modell erforscht, dass mittels seiner Bausteine die Spielkreativität beschreibt.

Memmert & Schwab, 2014

Im folgenden wird jeder Block kurz erklärt und mit einer Übung ergänzt.

One-Dimension-Games

Die Ziel von One-Dimension-Games ist, durch ihre Rahmenbedingungen möglichst oft gleiche Spielsituationen zu provozieren, bei denen jeweils der ein Taktikbaustein im Fokus steht. Dabei soll nicht explizit gecoacht bzw. die Lösungen verraten werden. Vielmehr werden die Kinder im Verlaufe des Spiels, dank den wiederkehrenden Spielsituationen, eigene, vielfältige und kreative Lösungen finden. Wichtig ist, dass die Kinder, die ihnen zugeteilten Rollen für eine Zeit lang inne haben, um einige Male ähnliche Spielsituationen zu erleben.

Der DFB unterscheidet folgende Taktikbausteine und schlägt beispielhaft diese Übungen vor:

Anbieten und Orientieren: Reifenball

Überzahl herausspielen: 3 + 3 gegen 3

Ballbesitz sichern: 7-Bälle-Spiel

Lücke erkennen: Offentore durchspielen

Abschlussmöglichkeit nutzen: 6-Tore-Spiel

Selbstverständlich gibt es zu jedem Taktikbaustein noch viele weitere Übungen. Zentral hier ist aber jeweils das Prinzip.

Deliberate Play

Deliberate Play besagt, dass nur mit dem freien Spiel (oder Spielformen) zentrale Leistungsmerkmale des Fussballs wie Handlungsschnelligkeit oder Spielkreativität verbessert werden können. Trockene Übungen, speziell im Kinderfussball, machen den deutlich geringeren Anteil aus. Dies auch aus dem Grund, da im Gegensatz zu Individualsportarten (wie zB. Turnen, Langlauf oder Schwimmen) die Entwicklung der Spielfähigkeit äusserst wichtig ist. Weil es im Fussball letzten Endes darum geht, die Technik im Spiel anzuwenden, gilt die Regel der 10’000 Übungsstunden im klassischen Sinne als überholt.

Deliberate Play verlangt folgende Kriterien:

  • vielseitige Fussballspiele und Spielformen
  • kleine, gleichstarke Teams
  • hohe Bewegungszeiten
  • einfache Regeln
  • unterschiedliche Torvariationen (mal auf Minitore, Hütchentore, 5m-Tore, Linien, Bänke, etc.)
  • seltenes Eingreifen des Trainers, dafür gute Aktionen loben

Siehe Vorteile von Funino und ,,kleinen Spielen”.

Diversifikation

Fünf- bis zehnjährige Kinder sind bewegungstechnisch gesehen Allrounder – von allem schon etwas gemacht, nirgends spezialisiert. Die Diversifikation meint die vielseitige Bewegungserfahrung, welche für eine ganzheitliche Entwicklung eines Kindes notwendig ist. Dieser Tatsache soll man auch in einem Training im Kindersport gerecht werden. Deshalb ist es unerlässlich, den Kindern durch unterschiedliche Spiele, Bälle, Unterlagen und Umgebungen verschiedene Bewegungserfahrungen zu ermöglichen. Die Kinder lernen zudem bei Nicht-Fussballspielen oder anderen Sportarten neue Problemlösungsmöglichkeiten kennen, die ihre Spielkreativität im Fussball weiter steigern kann. Wer ging mit seinen Fussball-Kids schon einmal Ping-Pong spielen?

Ein weiterer Vorteil der Diversifikation ist, dass unterschiedliche Spiele den Kindern einfach Spass machen und sie so zum lebenslangen Sporttreiben führen. Zudem weiss niemand, welche Sportarten die Kids in zehn Jahren betreiben.

Deliberate Coaching

Mit diesem Baustein ist gemeint, dass Vorsicht bei der Menge der Anweisungen geboten werden soll, die ein Trainer seinen Kindern gibt. Denn man spricht in der Kognitionsforschung von der ,,Inattentional Blindness” (Blindheit durch Unaufmerksamkeit), die besagt, dass nur Dinge wahrgenommen werden, auf die die Aufmerksamkeit gerichtet ist. Tritt Unerwartetes ein und die Aufmerksamkeit ist nicht darauf gerichtet, wird dieses Etwas oft nicht wahrgenommen. Dazu ein interessantes Experiment hier.

Deshalb sollten Trainer so wenig wie möglich coachen, so dass die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder möglichst gross bleibt.

Im Training kann eine hohe Aufmerksamkeitsspanne erreicht werden, in dem die Spiele toll inszeniert werden oder Spiele durchgeführt werden, bei denen die Aufmerksamkeit auf verschiedenen Dingen liegen muss, um erfolgreich zu sein (zB. Fangspiele mit mehreren Fängern etc.).

Deliberate Motivation

Bei ,Deliberate Motivation’ geht es um die Art und Weise, wie man die Kinder motiviert, eine Aufgabe zu bewältigen. Man spricht vom Präventionsfokus und vom Promotionsfokus. Der Präventionsfokus entsteht durch Instruktionen, die auf ein pflichtorientiertes Verhalten ausgerichtet sind. Der Promotionsfokus wird hervorgerufen, in dem man hoffnungsorientiert instruiert.

Während der Präventionsfokus bei gewissen Situationen durchaus von Vorteil ist (zB. wenn noch kleine Kinder vor Trainingsbeginn im Tor stehen und die grösseren auf’s Tor ballern und man will, dass niemand am Kopf getroffen wird), ist der Promotionsfokus bzgl. der Spielkreativität deutlich besser. Denn durch das hoffnungsbasierte Instruieren erreicht man bei den Kindern zum einen eine grössere Aufmerksamkeitsspanne und zum anderen werden die Kinder dazu veranlasst, durch eine grössere intrinsische Motivation häufiger nach alternativen Lösungen von Spielsituationen zu suchen.

Folgend einige Beispiele des DFB’s, die den Unterschied zwischen dem Präventionsfokus und dem Promotionsfokus verdeutlichen.

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Deliberate Practice

Spielt erst im Jugendfussball eine Rolle, weshalb hier nicht näher drauf eingegangen wird.

Fazit

Bei der Entwicklung von Spielkreativität geht es weniger ums Einüben, sondern vielmehr darum, die Kinder ihre bereits vorhanden Kreativität ausleben zu lassen und in ihren Ideen zu bestärken. Modernes Kinderfussballtraining hat angepasste Rahmenbedingungen, wo Lösungen der Kinder selbst auch die idealen Lösungen sind. Jedes Kind soll gemäss seinem aktuellen Könnensstand seine Erfahrungen machen können, die essenziell sind, Spielsituationen bei einem nächsten Mal besser einschätzen zu können. Wenn wir als Ausbildner kreative Lösungen der Kinder fördern wollen, ist es unsere Aufgabe, die richtigen Übungen mit ihnen durchzuführen sowie eine passende Atmosphäre zu schaffen.



Quellen

Memmert, Daniel. (2014). Kreativität entwickeln und fördern. Kitzeln sie das Besondere heraus! Köln: Sporthochschule

Knäbel, Peter. Kinderfussball-Konzept SFV. Fussball im J+S Kindersport. Bern: Haus des Schweizer Fussballs

2 Gedanken zu „Spielkreativität entwickeln

  1. Ich finde auch dass das Fördern der Kreativität ein zentraler Punkt für jeden guten Trainer sein sollte. Diktatoren haben au dem Fussballplatz nichts zu suchen.

    Vielen Dank für den tollen Beitrag liebers Kinderfussball-blog Team

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